Was ist dran an der Bedrohung der Artenvielfalt?

Worum geht es beim Volksbegehren?

In Bayern gehen viele Tier- und Pflanzenarten massiv in ihrem Bestand zurück oder sterben sogar aus. Besonders betroffen sind Insekten, die um ca. 75 % zurückgegangen sind. Jeder, der mit dem Auto unterwegs ist, erlebt diesen Bestandsrückgang: Während früher die Windschutzscheibe mit toten Insekten bedeckt war, kann man heute wochenlang fahren ohne das Fenster zu putzen. Der Rückgang der Insekten verläuft zeitgleich mit dem Rückgang blühender Wiesen und anderer natürlicher Lebensräume, welche die Insekten für Nahrung und Fortpflanzung benötigen. Darunter leiden auch alle Insektenfresser, allen voran viele Vogelarten. Dieser Rückgang ist nicht nur ein Verlust unserer Lebensqualität, sondern eine eine konkrete Gefahr für unsere Zukunft. Denn wenn das Zusammenspiel zwischen der Pflanzen- und Tierwelt und dem Menschen gestört wird, wird vieles, was wir heute als selbstverständlich erachten, in Zukunft nicht mehr möglich sein– allem voran die natürliche Bestäubung der Pflanzen durch Insekten. Wir möchten daher den Rückgang der Arten minimieren, indem wir das bayrische Naturschutzgesetz in wesentlichen Teilen verbessern.

Bayern ist doch wunderschön! Der Artenrückgang kann doch gar nicht so schlimm sein!

Tatsächlich sieht unsere Landschaft weiterhin in weiten Teilen wunderschön aus – gerade im Frühling, wenn die Blumen blühen. Aber sehen Sie sich genauer an, was auf den Wiesen blüht: Löwenzahn neben Löwenzahn, ab und zu auch Butterblumen. Aber versuchen Sie, eine bunt blühende Wiese mit vielen verschiedenen Blumenarten wie Wiesenflockenblumen und Wiesenschaumkraut zu finden! Sie werden lange suchen müssen. Tatsächlich sind mehr als ein Drittel aller typischen Ackerwildkräuter gefährdet. Insekten benötigen Blütenpflanzen als Nahrung und Lebensraum. Kein Wunder daher, dass Insekten stark im Bestand zurückgegangen sind – um sagenhafte 75 %! – auch weil Insekten aktiv durch Pestizide getötet werden. Insekten wiederum dienen vielen Vögeln als Nahrungsgrundlage, v. a. auch bei der Jungenaufzucht. Tatsächlich gehen viele Vogelarten sehr stark im Bestand zurück – z. T. über 50 % wie beim Kiebitz und der Bekassine. Deutschlandweit sind seit 1965 etwa 65 % aller Vögel verschwunden.

Welche Ursachen gibt es für die Bestandsrückgänge?

Die wichtigsten Ursachen für den starken Rückgang in Pflanzen- und Tierwelt sind die intensive Landwirtschaft – v. a. die häufige und immer früher durchgeführte Mahd von Wiesen, der Einsatz von Pestiziden, Überdüngung, das Umbrechen von Wiesen in Ackerfläche und das Entfernen und Dränage von wichtigen Lebensräumen wie Hecken, Alleen und kleinen Feuchtgebieten.

Warum kümmert ihr euch nur um Bienen und nicht um alle anderen Arten?

Das Volksbegehren hat zwar den Titel „Rettet die Bienen!“, aber natürlich geht es uns um den Schutz und die Erhaltung aller in Bayern lebender Arten. Dabei ist der Rückgang der Insekten besonders gravierend und besorgniserregend, weil sie zum einen vielen anderen Tieren als Nahrung dienen und weil viele von ihnen wichtige Bestäuber sind. Bienen sind besonders gut geeignet als „poster-child“, weil alle Menschen verstehen, wie wichtig Bienen als Bestäuber ist – und dadurch für unsere Nahrungsgrundlage.

Die geforderten Änderungen schaden den Landwirten

Im Gegenteil. Die geforderten Änderungen helfen den kleineren Landwirten, wettbewerbsfähig zu bleiben, indem wieder mehr Wert auf Qualität statt Quantität gesetzt wird. Auch helfen die geforderten Änderungen langfristig, dass Landwirtschaft bezahlbar bleibt. Ohne natürliche Bestäuber müssten – wie es z. T. in China schon der Fall ist – die Pflanzen in Handarbeit bestäubt werden. Dies würde die Kosten der Landwirtschaft dramatisch erhöhen.

Werden die Lebensmittel teurer?

Allgemein gilt, dass wir in Deutschland in Durchschnitt sehr viel weniger für Nahrungsmittel ausgeben als beispielsweise die Franzosen. Hier sollten wir überlegen, was uns unsere Gesundheit, der Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen und der Schutz der Natur wert sind. Auch ohne die Bio-Debatte gibt es bei den Ausgaben im Lebensmittelsektor gewaltige Unterschiede – je nachdem wie luxuriös wir uns ernähren wollen. Grundnahrungsmittel sind im Biobereich inzwischen nicht wesentlich teurer als konventionelle Waren. Jeder weiß, dass die Bioverbände wie z. B. Demeter und Bioland höhere Ansprüche an ihre Hersteller richten als die EU-Bio-Richtlinie, was auch die Preisbildung beeinflusst. Trotzdem greifen viele Kunden lieber nach Verbandsware, nicht zuletzt, weil diese bewusst Forderungen des Naturschutzes in der Produktion berücksichtigt. Ein Teil dieser höheren Erzeugungskosten könnten gesenkt werden, wenn das regionale Versorgungsnetz dichter wird.

Was sagen die Bauern?

“Die Bauern” gibt es nicht. Ein Landwirt, der über vier Hektar verfügt sieht die Dinge naturgemäß anders als einer mit 1000 Hektar Landbesitz. Auf jeden Fall zeigt eine Umfrage der Agrarzeitung vom 5. April 2018 eine sehr unterschiedliche Auffassung zur Verantwortlichkeit der Landwirtschaft zum Artensterben. Auf die Frage: „Das Artensterben wird in der öffentlichen Debatte hauptsächlich dem Einsatz von Pestiziden zugeschrieben. Sind die Landwirte schuld?“ ergaben sich folgende Antworten:

  • Das ist Propaganda der Öko-Lobby. (47 %)
  • Die Landwirtschaft trägt die Hauptschuld. (8 %)
  • Landwirte sind Teil des Problems. (45 %)

Auch innerhalb der Agrarverbände gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Der Bauernverband als Standesvertretung ist weniger empfänglich für agrarkritische Fakten als etwa die DLG (Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft), deren Ziel es seit ihrer Gründung 1885 ist, die Landwirtschaft zu technisieren. Die DLG machte 2017 auf sich aufmerksam, als ihr damaliger Präsident im Interview mit der “Zeit” einräumte, dass ein Kurswechsel dringend notwendig sei. Europaweit meinten immerhin 28 % der von der EU-Kommission befragten Landwirte, dass der Umwelt- und Klimaschutz die größte Herausforderung der Landwirtschaft in den nächsten Jahren sei.

Bayern hat doch schon so viel gemacht!

Abgesehen von den bekannten Tatsachen rund um den Artenschwund sehen wir an drei beispielhaften Themen, dass Bayern durchaus nicht an der Spitze der Möglichkeiten steht.

  1. Bewirtschaftung der Wälder. Die Nationale Biodiversitätsstrategie sieht vor, dass die Bundesländer u. a. 10 % ihrer staatlichen Waldflächen aus der wirtschaftlichen Nutzung herausnehmen. Während NRW, Saarland und Niedersachsen diese Vorgabe schon umgesetzt haben, hält Bayern bei 7 % fest.
  2. Das Grüne Band, das Geschenk der europäischen Teilung an uns, das sich als Refugium für Artenvielfalt entpuppt hat, ist auch eine Verpflichtung. Der Verein “Grünes Band” sieht „massiven Nachholbedarf“ an der bayerisch-tschechischen Grenze: Auf bayerischer Seite seien erst 32 % der Naturflächen besonders geschützt, in Tschechien dagegen schon 94 %.
  3. Das Bundesgesetz sieht verpflichtend Gewässerrandstreifen auf landwirtschaftlichen Flächen vor. Bayern hat die entsprechenden Artikel in einem eigenen Gesetz an den Grundsatz der Freiwilligkeit angepasst und gewährt dadurch gewässern weniger Schutz als im übrigen Deutschland.
Warum steht 30 % Ökolandbau als erster Punkt im Gesetzestext?

Einer der Hauptgründe für den Artenschwund im ländlichen Raum ist die starke Intensivierung der Landwirtschaft. Daher ist einer der wichtigsten Aspekte für den Schutz der Artenvielfalt, einen möglichst großen Anteil an Fläche aus dem Hochleistungsdruck herauszunehmen. Der biologische Landbau hat den Vorteil, dass durch die höheren Erzeugerpreise die Wirtschaftlichkeit auf einer niedrigeren Produktivitätsstufe gegeben ist. Da die Nachfrage nach Bioprodukten das einheimische Angebot deutlich übersteigt, gehört die Herstellung dieses Gleichgewichts zu den dringendsten und wirksamsten Maßnahmen zum Artenschutz.

Bringt ein Volksbegehren überhaupt etwas?

Ein Volksbegehren ist für Bürgerinnen und Bürger die einzige Möglichkeit, direkt in die Gesetzgebung einzugreifen. Wird unser Antrag erfolgreich im Volksentscheid bestätigt, dann ändert sich dementsprechend der Gesetzestext des bayrischen Naturschutzgesetzes in Belangen, die für den Erhalt vieler Arten sehr wichtig sind. Daher bringt ein Volksbegehren – wenn es erfolgreich verläuft – sehr viel. Allerdings werden nicht alle naturschutzrelevanten Bereiche über das bayrische Naturschutzrecht geregelt. So ist die Düngeverordnung im Europarecht verankert, sodass die Düngung nicht über diesen Volksentscheid regulieren werden kann.

Es gibt doch schon so viele Petitionen. Warum brauchen wir dann noch ein Volksbegehren?

Es stimmt, dass es im Moment sehr viele Petitionen für den Schutz der Bienen, Insekten und anderer Lebewesen gibt. Das ist sehr erfreulich, denn es zeigt, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung für den erschreckenden Zustand der Natur sehr hoch ist – ein idealer Zeitpunkt für ein Volksbegehren! Denn nur über ein Volksbegehren können wir direkt in den Gesetzestext eingreifen. Petitionen sind wichtig um aufzuzeigen: „Wir sind nicht blind. Wir sorgen uns um die Natur. Und wir verlangen Änderungen!“ Wenn viele Menschen eine Petition unterschreiben, dann haben sie durchaus Einfluss auf Politiker, die darauf bedacht sind, zu gefallen. Aber Petitionen haben keinerlei rechtliche Verbindlichkeit.