Hilpoltstein / München, 21. Januar 2019 – Bayerns Natur ist schön, sie hat einen Wert an sich. Doch sie stellt den Menschen im Freistaat auch die vielfältigsten Leistungen zur Verfügung, die von überragendem wirtschaftlichem Wert sind. Bayerische Bürgerinnen und Bürger haben vom 31.1. bis 13.2.2019 die Chance, per Volksbegehren die Artenvielfalt zu retten und gleichzeitig in eine enkeltaugliche Zukunft Bayerns zu investieren.

 

Ökonomisch betrachtet ist die Natur ein mächtiger Produzent. Und alle Naturgüter stehen den Menschen nahezu kostenfrei zur Verfügung. Bestäuber sichern unsere Versorgung mit Obst und Gemüse. Tiere, Mikroorganismen und Pflanzen sorgen für die Fruchtbarkeit des Bodens, säubern Gewässer und die Luft. Insekten entsorgen als Gratis-Müllabfuhr Aas, Kot und Abfälle. Diese sogenannten Ökosystemleistungen lassen sich auch in Geld beziffern. So können sie mit den anderen Quellen unseres Wohlstands wie menschlicher Arbeit, Erfindergeist oder Maschinen verglichen werden.

 

Im Jahr 1997 hat der amerikanische Ökonom Robert Costanza als erster Wissenschaftler eine Studie zum globalen Wert der jährlichen Ökosystemleistungen publiziert. Seither veröffentlicht er regelmäßig eine international beachtete monetäre Bilanz aller Dienste und Güter, die von der Natur weltweit jährlich produziert werden. Für 2013 veranschlagte er den Gesamtwert auf die Summe von rund 150 Billionen Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie der Wert aller Güter und Dienstleistungen, die der Mensch in seinem Wirtschaftssystem herstellt.

 

Seit 2007 fördern die Regierungen der G5-Staaten nach Costanzas Vorbild vergleichbare Studien auf nationaler Ebene, um u. a. die gesellschaftlichen Folgekosten von Naturzerstörung besser abschätzen zu können. Die interdisziplinäre Fachgruppe „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) ist hier zu Lande beauftragt. Ihre Jahresberichte belegen den großen wirtschaftlichen Wert der heimischen Natur. Auch die Forderungen des Volksbegehrens Artenvielfalt führen nach Einschätzung der Organisatoren zu einem großen Gewinn für die Gesellschaft, der in Euro und Cent messbar ist.

 

Beispiel 1: Das Volksbegehren fordert den Schutz wichtiger Lebensräume für Insekten wie Blühwiesen oder Streuobstwiesen. Dies ist ein Beitrag zum Naturschutz – sichert aber auch Gewinneinkommen in der bayrischen Landwirtschaft. Grund: Die überwiegende Mehrheit der heimischen Nutz- und Wildpflanzen ist zur Fortpflanzung auf Insekten angewiesen. Die vom Menschen domestizierte Honigbiene schafft die Bestäubung nicht allein. Studien zeigen, dass Wildbienen und andere Insekten häufig eine noch wichtigere Rolle spielen. Besonders fleißig sind beispielsweise die Weibchen der Gehörnten Mauerbiene. Nur wenige hundert Exemplare reichen aus, um einen Hektar Obstbäume zu bestäuben – im Vergleich zu mehreren zehntausend Arbeiterinnen der Honigbiene. In Deutschland wird der Wertbeitrag aller Bestäuber zum durchschnittlichen Jahresgesamtgewinn der Landwirte bei Kulturpflanzen mit 1,1 Milliarden Euro angegeben. „Jeder Beitrag zur Rettung der Bestäuber ist demnach auch ein Beitrag zu wirtschaftlichem Wohlstand“, sagt Agnes Becker, Beauftragte des Volksbegehrens und stellvertretende ÖDP-Landesvorsitzende.

 

Beispiel 2: Das Volksbegehren Artenvielfalt fordert den massiven Ausbau der ökologischen, pestizidfreien Landwirtschaft. Dies dient dem Erhalt besonders artenreicher Kulturlandschaften – sichert u.a. aber auch eine bezahlbare Trinkwasserversorgung im Freistaat. Wie dies funktioniert, zeigen schon heute einige städtische Wasserwerke, darunter der Versorger der Stadt München. Das Trinkwasser beziehen sie aus vertraglich besonders geschützten Gebieten mit Ökolandwirtschaft. Im Gegenzug bezahlen die Stadtwerke Ausgleichsgelder, sparen aber insgesamt bei den Kosten der Wasseraufbereitung. Trinkwasser wäre ohne solche Arrangements laut TEEB DE bis zu sieben Mal teurer. „Ein lohnendes Geschäft für beide Seiten. Die Bauern wirtschaften naturnah und kommen ihrer Rolle als Hüter der Artenvielfalt nach, ohne den Wettbewerb der agrarindustriellen Konkurrenz fürchten zu müssen“, erläutert Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des LBV.

 

Der vom Gesetzentwurf geforderte massive Ausbau der Ökolandwirtschaft in Bayern fördert die Wasserqualität im ganzen Freistaat – auch außerhalb von vertraglich geregelten Sondergebieten. Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, unterstreicht die volkswirtschaftlichen Vorteile: „Jeder Euro Förderung der Öko-Landwirtschaft rentiert sich über Jahre hinaus für unsere Umwelt und damit auch für unsere Gesellschaft.“

 

Den Organisatoren des „Volksbegehrens Artenvielfalt – Rettet die Bienen!“ ist wichtig, der bayerischen Bevölkerung auch die positiven wirtschaftlichen Effekte der Gesetzesinitiative für ein besseres Naturschutzgesetz aufzuzeigen. „Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen muss höchste Priorität haben, denn alle Lebewesen sind von sauberem Wasser und sauberer Luft abhängig. Naturschutz ist eine Investition in die Daseinsvorsorge, die Gewinne für die gesamte Gesellschaft abwirft“, resümiert Richard Mergner Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern. Und der Schmetterlingsforscher Dr. Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung in München fügt an: „Wir brauchen nicht nur eine soziale Marktwirtschaft, sondern auch eine ökologische Marktwirtschaft!“

 

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Vorschau Pressebilder:

Apfelbaumblüten © Dr. Eberhard Pfeuffer

Die Bilder können Sie in Druckauflösung hier herunterladen:
www.volksbegehren-artenvielfalt.de/pressebilder


 

Hintergrundinformationen

Über das Volksbegehren Artenvielfalt – Rettet die Bienen!
Das Volksbegehren ist ein Mittel der direkten Demokratie. Es ermöglicht Bürgern die Einbringung eines Gesetzesentwurfs in den Bayerischen Landtag. Die erste Hürde ist überwunden: Knapp 100.000 Menschen haben in der ersten Zulassungsphase für das Volksbegehren unterschrieben, im Oktober wurde es vom Innenministerium zugelassen. Jetzt müssen sich vom 31. Januar 2019 bis zum 13. Februar 2019 eine Million Wahlberechtigte persönlich in den Rathäusern in Listen eintragen, um das Volksbegehren Artenvielfalt erfolgreich zu machen. Online ist dies nicht möglich. Zur Eintragung muss der gültige Ausweis vorgelegt werden. Zum Trägerkreis des Volksbegehrens Artenvielfalt – Rettet die Bienen! gehören die Ökologisch-Demokratische Partei Bayern (ÖDP), der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), das Bündnis 90/Die Grünen Bayern und der BUND Naturschutz in Bayern. Ein breites gesellschaftliches Bündnis von mehr als 160 Organisationen, Unternehmen, Verbänden und Parteien unterstützen diese direktdemokratische Initiative für ein neues Naturschutzgesetz in Bayern.

 

Die Kernforderungen des Volksbegehrens Artenvielfalt – Rettet die Bienen!
Ziel des Volksbegehrens ist es, Regelungen im bayerischen Naturschutzgesetz zu verankern, die die Artenvielfalt retten. Die Kernforderungen: die bayernweite Vernetzung von Lebensräumen für Tiere; die Erhaltung von Hecken, Bäumen und kleinen Gewässern in der Landwirtschaft; der Erhalt und die Schaffung blühender Randstreifen an allen Bächen und Gräben; der massive Ausbau der ökologischen Landwirtschaft; die Umwandlung von zehn Prozent aller Wiesen in Blühwiesen; die pestizidfreie Bewirtschaftung aller staatlichen Flächen; die Aufnahme des Naturschutzes in die Ausbildung von Land- und Forstwirten.

 

Die Aktionsbündnisse
Bayernweit kämpfen 80 Aktionsbündnisse in den Gemeinden für eine Wende im bayerischen Naturschutz. Alle Interessierten sind aufgefordert mitzumachen. Auf der Website des Volksbegehrens Artenvielfalt www.volksbegehren-artenvielfalt.de findet man die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen.

 

Das Artensterben
Wissenschaftliche Studien belegen, dass in Bayern immer mehr Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden sind. Besonders betroffen sind die Insekten, die unter anderem für das Überleben der Menschheit als Bestäuber von Nahrungspflanzen existenziell wichtig sind. In Deutschland sind knapp 50 Prozent aller Bienenarten bestandsbedroht oder bereits ausgestorben, über 75 Prozent aller Fluginsekten sind nicht mehr da und die Bestände an Schmetterlingen vielfach sogar noch stärker zurückgegangen, in einigen Regionen Bayerns teilweise um 70-90 Prozent. Unter anderem in Folge des Insektenschwundes leben in Bayern nur noch halb so viele Vögel wie vor 30 Jahren. Diese dramatische Entwicklung will das Volksbegehren Artenvielfalt stoppen.